{"id":308,"date":"2013-09-10T21:06:44","date_gmt":"2013-09-10T21:06:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gibs-mir.com\/blognews\/?p=308"},"modified":"2013-09-10T21:32:03","modified_gmt":"2013-09-10T21:32:03","slug":"alleinerziehend-ein-fast-unmoglicher-spagat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gibs-mir.com\/blognews\/?p=308","title":{"rendered":"Alleinerziehend: ein fast unm\u00f6glicher Spagat"},"content":{"rendered":"<p>Das Modell \u201eAlleinerziehend\u201c ist auf dem Vormarsch. Die Zahl derjenigen, die ihre Kinder ohne Hilfe eines Partners gro\u00dfziehen m\u00fcssen, w\u00e4chst seit Jahren. Viele von ihnen sind berufst\u00e4tig, fast die H\u00e4lfte sogar in Vollzeit. Eine Situation, die nur schwer zu bew\u00e4ltigen ist.<\/p>\n<p>Fast 100 Bewerbungen hat Monika geschrieben. Die 39-J\u00e4hrige aus Marl bei Recklinghausen versuchte, nach zwei Jahren Pause wieder den Einstieg in den Job zu finden. \u201eIn den Vorstellungsgespr\u00e4chen waren die Arbeitgeber jedes Mal geschockt, dass mein Kind doch noch so klein sei und ob ich \u00fcberhaupt arbeiten wolle. Was hei\u00dft hier wollen: Ich muss!\u201c Denn Monika zieht ihre zweieinhalbj\u00e4hrige Tochter allein gro\u00df und z\u00e4hlt damit zu der wachsenden Anzahl von Alleinerziehenden in Deutschland. Von den 8,4 Millionen Familien mit Kindern sind inzwischen 1,6 Millionen alleinerziehend \u2013 und damit jede f\u00fcnfte Familie. Vor zehn Jahren lag dieser Anteil noch bei 14 Prozent.<\/p>\n<h4><strong>\u00d6konomisches Risiko \u201ealleinerziehend\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Alleinerziehenden sind Frauen, zwei Drittel von ihnen sind berufst\u00e4tig wie Monika. \u201eEine Vollzeitstelle in n\u00e4herer Umgebung habe ich nicht gefunden; bei einer Zusage musste ich ablehnen, weil ich jeden Tag zus\u00e4tzlich zur Kita auf externe Hilfe angewiesen gewesen w\u00e4re.\u201c Nun arbeitet Monika 20 Stunden die Woche im B\u00fcro einer M\u00e4lzerei. Und auch hier jongliert sie mit der Hilfe von Freunden und Familien, damit es irgendwie geht.<\/p>\n<p>In einer Gesellschaft, in der es \u00fcblich ist, dass der Haushalt \u00fcber zwei Einkommen gesichert wird, ist es ein gro\u00dfes \u00f6konomisches Risiko, alleinerziehend zu sein. Allerdings gehen die einzelnen europ\u00e4ischen Staaten unterschiedlich mit dieser Situation um. Hans Bertram, Professor f\u00fcr Mikrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, schildert dies am Beispiel Schweden: \u201eHier wurden mehrere Instrumente geschaffen, etwa das einkommensabh\u00e4ngige Elterngeld oder bei einem Teilzeitjob die M\u00f6glichkeit, dass f\u00fcr Arbeitnehmer bis zum 8. Lebensjahr des Kindes die Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge von den Sozialkassen bezahlt werden. Wir in Deutschland haben dagegen eine Mischung aus zielgerichteten Leistungen und Instrumenten, die an die Ehe gekoppelt sind.\u201c<\/p>\n<p>Carmen hat das am eigenen Leib erfahren m\u00fcssen. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern arbeitet als freie H\u00f6rfunkjournalistin. \u201eIch habe schon w\u00e4hrend meiner Ehe darauf geachtet, nie von meinem Mann abh\u00e4ngig zu sein \u2013 jedenfalls nicht mehr als unbedingt notwendig. Das halte ich heute f\u00fcr die kl\u00fcgste Entscheidung \u00fcberhaupt.\u201c Da der Vater der Kinder nicht zahlt, ist die 33-J\u00e4hrige auf den Unterhaltsvorschuss des Jugendamts angewiesen \u2013 und der l\u00e4uft bald aus. \u201eMir scheint, dass der andere, nicht erziehende Elternteil eine Menge Rechte hat, aber kaum Pflichten. Eine Pflicht ist in meinen Augen keine Pflicht, wenn es keine Sanktionen gibt, die einen ermuntern, diese Pflicht auch auszu\u00fcben.\u201c Bald wird Carmen darauf angewiesen sein, von ihrer Arbeit sich und drei Kinder ern\u00e4hren zu m\u00fcssen. Eine Vollzeitselbstst\u00e4ndigkeit kann sie sich nur unter gr\u00f6\u00dfter Kraftaufbietung und mit optimaler Kinderbetreuung vorstellen.<\/p>\n<h4><strong>Bruch beim Schuleintritt<\/strong><\/h4>\n<p>Genau das ist nach Ansicht des Soziologen Bertram Teil des Problems. \u201eAlleinerziehende m\u00fcssen nicht nur die \u00f6konomische Situation einigerma\u00dfen vern\u00fcnftig managen, sondern auch die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf individuell l\u00f6sen. In vielen anderen L\u00e4ndern stellen sich diese Probleme nicht mehr.\u201c Hierzulande nimmt die Betreuung fr\u00fch zeitlich und qualitativ ab; sp\u00e4testens beim Schuleintritt gibt es einen Bruch.<\/p>\n<p>Es wundert daher nicht, dass der aktuelle Familienreport der Bundesregierung ausweist, dass Eltern und insbesondere Alleinerziehende sich \u201eMa\u00dfnahmen der Zeitpolitik\u201c w\u00fcnschen. Und Unternehmerinitiativen sprechen bereits davon, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Fachkr\u00e4ftemangel ist. Denn knapp 40 Prozent der Alleinerziehenden sind regul\u00e4r besch\u00e4ftigt und verf\u00fcgen \u00fcber hohe Bildungsabschl\u00fcsse. Die besonders jungen Alleinerziehenden jedoch haben nicht nur geringere schulische Kenntnisse, sondern oft noch nicht einmal einen Abschluss. Die Konsequenz: Sie sind langfristig auf staatliche Unterst\u00fctzung angewiesen.<\/p>\n<h4><strong>Ohne Netzwerk geht es nicht<\/strong><\/h4>\n<p>ie selbstst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin Andrea aus D\u00fcsseldorf teilt diese Einsch\u00e4tzung: \u201eIch denke, mit Studium und qualifizierter Ausbildung ist es trotz allem leichter, denn ich habe mehr Auswahlm\u00f6glichkeiten. Zur Not kann ich immer noch putzen gehen, aber es ist nicht das einzige, was mir bleibt.\u201c Andrea hat eine zehnj\u00e4hrige Tochter, als freiberufliche \u00dcbersetzerin hat sie schon vor ihrer Schwangerschaft gearbeitet. Als auf dem Land mangels Betreuungsm\u00f6glichkeiten die Kunden ausblieben, zog sie in die Stadt. Das half \u2013 ebenso ein funktionierendes privates Netzwerk. \u201eMeine Familie und meine Freunde unterst\u00fctzen mich und hier gibt es mehr Frauen in gleicher Situation, die gegenseitige Hilfe wird unkomplizierter gew\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n<p>Solche Netzwerke m\u00fcssen jedoch immer noch in Eigenregie organisiert werden. M\u00fctterzentren, wo das sprichw\u00f6rtliche Dorf entstehen kann, das es braucht, um Kinder gro\u00df zu ziehen, gibt es bislang nur in wenigen Pilotprojekten. Der Soziologe Bertram sieht dies besonders kritisch: \u201eDie Vorstellung, dass man eine Familie in einen Kontext einbinden muss, der unterst\u00fctzt, ist uns eher fremd. Solange wir davon ausgehen, dass Familien als Einzelk\u00e4mpfer ihr Leben bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, hat das die logische Konsequenz, dass diejenigen, die nicht einmal einen Partner haben, besonders allein sind.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/4cbc06169ef74575bee724501332c18e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>Constanze Hacke<br \/>\nist selbstst\u00e4ndige Wirtschaftsjournalistin in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion<br \/>\nDezember 2010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Modell \u201eAlleinerziehend\u201c ist auf dem Vormarsch. Die Zahl derjenigen, die ihre Kinder ohne Hilfe eines Partners gro\u00dfziehen m\u00fcssen, w\u00e4chst seit Jahren. Viele von ihnen sind berufst\u00e4tig, fast die H\u00e4lfte sogar in Vollzeit. 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