{"id":328,"date":"2014-01-12T09:58:42","date_gmt":"2014-01-12T09:58:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gibs-mir.com\/blognews\/?p=328"},"modified":"2014-01-12T10:25:44","modified_gmt":"2014-01-12T10:25:44","slug":"sind-wir-zusammen-oder-was-das-leben-als-mingle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gibs-mir.com\/blognews\/?p=328","title":{"rendered":"Sind wir zusammen? Oder was? Das Leben als Mingle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sind wir zusammen? Oder was? Das Leben als Mingle<\/strong><\/p>\n<p>vonNicola Erdmann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen ein Kuss oder zumindest der erste Sex es besiegelten, klarmachten, dass das hier nun eine besondere und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen ist, sind vorbei. Leider.<br \/>\nOb sie ihm als Gastgeberin bei seiner Party helfen wolle, hatte er sie gefragt. Klar wollte Marnie das. Wenn sie an seiner Seite ein Fest geben w\u00fcrde, k\u00f6nnte doch das Verh\u00e4ltnis zu diesem Mann endlich offiziell den Beziehungsstatus erreichen! Also kaufte Marnie sich extra ein neues Kleid, begr\u00fc\u00dfte die G\u00e4ste, half in der K\u00fcche.<br \/>\nBis er, der Mann, mit dem sie am Morgen noch Sex hatte, ihr im Weinkeller diese Frage stellte: &#8222;Findest du 500 daf\u00fcr okay?&#8220; \u2013 &#8222;Was, Dollar?&#8220; &#8222;Ja.&#8220; &#8222;Du musst mich doch nicht bezahlen \u2013 ich bin doch deine Freundin.&#8220; Er lacht. &#8222;Das hab ich ja \u00fcberhaupt nicht gewusst.&#8220;<br \/>\nF\u00fcr Marnie, Protagonistin der US-TV-Serie &#8222;Girls&#8220;, die sich mit den gro\u00dfen und kleinen Lebensproblemen vierer New Yorkerinnen zwischen Mitte und Ende zwanzig besch\u00e4ftigt, bricht damit eine kleine Welt zusammen \u2013 w\u00e4hrend er \u00fcberhaupt nicht versteht, was das Problem ist. &#8222;Aber wir hatten Sex!&#8220;, sagt sie, &#8222;Ja und?&#8220;, fragt er.<br \/>\n<strong>Etwas Halbes, nichts Ganzes<\/strong><\/p>\n<p>Das, was die beiden leben, ist eine Beziehungsform, die es so in jedem Bekanntenkreis gibt, die viele der Generation um die drei\u00dfig wohl selbst schon erlebt haben oder noch erleben werden. Man kann es Halb-Beziehung nennen \u2013 oder auch Mingle-Dasein. &#8222;Mingle&#8220;, so erkl\u00e4rt es der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, ist eine Wortsch\u00f6pfung aus &#8222;mixed&#8220; und &#8222;Single&#8220;.<br \/>\nDer Begriff, der noch nicht so gebr\u00e4uchlich wie &#8222;Fuckbuddy&#8220; oder &#8222;Friends with Benefit&#8220; ist, f\u00fcr Beziehungen, in denen man &#8222;nur&#8220; miteinander schl\u00e4ft, definiert endlich etwas, was nicht definiert ist. Irgendwie ist man offiziell noch Single, vermischt diese Lebensweise aber mit der eines P\u00e4rchens.<br \/>\nSo trifft man einen Menschen, den man anziehend findet, man lernt sich kennen, mag sich, k\u00fcsst sich. Man trifft sich wieder, schreibt sich flirtige Nachrichten, irgendwann hat man das erste Mal Sex, man trifft sich immer wieder, in gr\u00f6\u00dferen, in kleineren Abst\u00e4nden. Manchmal geht man auch ins Kino, manchmal telefoniert man, manchmal h\u00f6rt man aber auch ein paar Tage nichts voneinander.<br \/>\nW\u00e4hrend das so dahinpl\u00e4tschert, kommen irgendwann diese Fragen auf: Was ist das jetzt eigentlich? Sind wir zusammen? Warum sagt der andere nichts dazu? Stellen wir einander unseren Eltern vor? Schenken wir uns etwas zum Geburtstag? Ist es dann offiziell?<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<strong>Beziehung in der Schwebe<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen ein Kuss oder zumindest der erste Sex es besiegelten, klarmachten, dass das hier nun eine besondere und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen ist, sind vorbei. Leider. Denn heute ist es kompliziert, anstrengend, die Mingle-Beziehung f\u00fchlt sich an wie ein Drahtseilakt auf den eigenen Gef\u00fchlen.<br \/>\nGibt man zu viel von sich preis, wenn man nach Klarheit verlangt? Blamiert man sich, so wie Marnie, wenn man eine Beziehung vermutet, wo der andere nur eine Aff\u00e4re sieht? Aber wie kann er eine Aff\u00e4re in etwas vermuten, was sich doch nach so viel mehr anf\u00fchlt: Man geht doch schlie\u00dflich auch gemeinsam aus, trifft Freunde, spricht \u00fcber Femen-Aktionen oder Harald Schmidt.<br \/>\n&#8222;Ich beobachte das tats\u00e4chlich als Ph\u00e4nomen: Viele Leute wissen nicht mehr, ob sie nun in einer Beziehung sind oder nicht&#8220;, sagt Diplom-Psychologin Wiebke Neberich, wissenschaftliche Beraterin bei eDarling. &#8222;Auff\u00e4llig wurde es f\u00fcr mich, als ich f\u00fcr die Humboldt-Universit\u00e4t eine Studie durchf\u00fchrte und zu Beginn des Fragebogens die demografischen Angaben abfragte, Alter, Geschlecht, Beziehungsstand.&#8220;<br \/>\nZahlreiche der Teilnehmer h\u00e4tten hier n\u00e4mlich kein Kreuzchen machen k\u00f6nnen \u2013 waren sie nun alleinstehend oder in einer Beziehung? Sie h\u00e4tten es schlicht nicht gewusst, berichtet Wiebke Neberich, &#8222;ich habe dann mit den Leuten gesprochen, die mir erz\u00e4hlten, sie w\u00fcrden sich zwar mit jemandem treffen, aber was genau das sei, das k\u00f6nnten sie nicht sagen.&#8220;<br \/>\n<em><strong> <\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Kapitalismus auf dem Partnermarkt<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es gibt verschiedene Gr\u00fcnde f\u00fcr diese neue Unverbindlichkeit. Der zentrale und wichtigste ist wohl die Angst, zu viele andere, vielleicht bessere M\u00f6glichkeiten auszuschlie\u00dfen, wenn man sich eindeutig zu einem Menschen bekennt. &#8222;Der Partnermarkt funktioniert zunehmend nach dem kapitalistischen Gedanken der Gesellschaft&#8220;, sagt Lisa Fischbach, Diplom-Psychologin bei Elite Partner.<\/em><br \/>\n<em> &#8222;Da ist die st\u00e4ndige Optimierungstendenz, der Gedanke, dass es vielleicht noch einen Besseren gibt.&#8220; Das sei insofern problematisch, weil es permanente Unruhe und Verunsicherung mit sich bringe, die auf dauerhafte Bindung und Geborgenheit kontraproduktiv wirke.<\/em><br \/>\n<em> Und das doch auf zwei Seiten: Der, der glaubt, er k\u00f6nne jemanden finden, der wirklich alle Anspr\u00fcche erf\u00fcllt, kann mit jemandem, der nur einige der Anspr\u00fcche erf\u00fcllt, nicht bedingungslos gl\u00fccklich werden, kann sich nicht entspannen, sich nicht auf eine Beziehung einlassen.<\/em><br \/>\n<em> Die gro\u00dfe Freiheit, das Gef\u00fchl, das auch das scheinbar unendliche Angebot des Online-Datings vermittelt, dass immer nur einen Klick weiter doch jemand sein k\u00f6nnte, wird so zum Gef\u00e4ngnis. Zum Gef\u00e4ngnis aus Angst, etwas oder jemanden zu verpassen.<\/em><br \/>\n<em> Daraus wird schnell eine Angst vor zu gro\u00dfer N\u00e4he \u2013 denn mit der N\u00e4he k\u00e4me doch der Zeitpunkt, an dem man sich bekennen muss. Und nat\u00fcrlich ist derjenige, der bereit w\u00e4re, sich zu binden, aber an genau so jemanden ger\u00e4t, ebenso ein Opfer der Mingle-entalit\u00e4t. Eines das unverschuldet in diese Halb-Beziehungssituation ger\u00e4t und darin feststeckt.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Eine Frage des Selbstbewusstseins<\/strong><\/p>\n<p>Es scheint doch wahrlich wie eine Falle: Verlangt, fragt, fordert man zu viel, l\u00e4uft man Gefahr, den anderen zu verschrecken und zu vertreiben. Macht man das Ganze mit, leidet man unter dieser qu\u00e4lenden Ungewissheit, dem Gef\u00fchl hier die ganze Zeit irgendwie hingehalten zu werden. Gerade j\u00fcngere Menschen mit weniger Beziehungserfahrung w\u00fcrden unter diesem Ph\u00e4nomen leiden, berichtet Lisa Fischbach.<br \/>\nEs fehlt das Wissen, dass es doch mit keinem Partner auf Dauer hundertprozentig perfekt l\u00e4uft. Es fehlen Mut und vielleicht auch Selbstbewusstsein, die Dinge aus- und anzusprechen, es herrschen Unsicherheiten \u00fcber Dynamiken in Beziehungen. Und so landet man allzu schnell in der Mingle-Falle.<br \/>\nDoch nicht nur die Angst, den einen zu verpassen, wenn man sich zu dem oder der anderen mal so richtig bekennt, bremst den Bindungswillen, auch der explizite Wunsch nach Selbstverwirklichung stellt sich, gerade bei der Generation um die drei\u00dfig, dem bekennenden P\u00e4rchendasein entgegen.<br \/>\nReinhold Popp, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums f\u00fcr Zukunftsstudien in Salzburg, besch\u00e4ftigt sich auch mit Theorien rund um die Zukunft von Beziehungen. Er stellt fest: &#8222;Die Menschen haben eine immer gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht nach Freiheit. Also versuchen sie auch, so eine &#8218;offizielle&#8216; Entscheidung f\u00fcr eine Beziehung so lange wie m\u00f6glich hinauszuschieben.&#8220; Die bringe schlie\u00dflich weitere Verpflichtungen mit sich, &#8222;da kommen dann Fragen nach einer gemeinsamen Wohnung oder Kindern auf&#8220;, sagt Popp.<br \/>\nSo bleibe man lieber in einer &#8222;mittleren Unsicherheitsposition&#8220;. Denn auch wenn junge Menschen sich theoretisch eine Beziehung w\u00fcnschen \u2013 eine Allensbach-Studie belegte unl\u00e4ngst, dass 56 Prozent der unter 24-J\u00e4hrigen eine Partnerschaft f\u00fcr das &#8222;Wichtigste im Leben&#8220; halten \u2013, sieht die Realit\u00e4t anders aus.<br \/>\n&#8222;Es gibt ein Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit&#8220;, sagt Popp. &#8222;Die Sehnsucht nach einer Beziehung ist da, wenn sich aber Komplikationen auftun, lebt man lieber noch ein wenig l\u00e4nger sein buntes Leben.&#8220;<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kein Commitment, viel Stress<\/strong><\/p>\n<p>Kompromisse machen oder wegen Freund oder Freundin Nachteile in Kauf nehmen? Das erscheint vielen unattraktiv. &#8222;Bei unter 30-J\u00e4hrigen liegt der Fokus noch sehr stark auf den eigenen Bed\u00fcrfnissen. Und zu denen z\u00e4hlt in diesem Alter noch nicht das nach einem festen Commitment&#8220;, sagt Wiebke Neberich. Stattdessen wolle man sich unabh\u00e4ngig weiterentwickeln, herausfinden, was und wen man wirklich will.<br \/>\nUnd macht es sich leicht, scheinbar. F\u00fchrt halbe Beziehungen, bei denen man nicht Schluss machen muss, weniger Pflichten hat, datet parallel mehrere Menschen, alles ganz locker eben. Aber ist es das wirklich?<br \/>\n&#8222;Nat\u00fcrlich ist das Ganze unglaublich stressig, aber man nimmt den Stress in Kauf, solange man empfindet, dass die Vorteile einer solchen Lebensweise \u00fcberwiegen&#8220;, sagt Neberich. Doch so locker manch einer diese Dating-Situation finden mag, f\u00fcr den anderen kann sie eine Qual bedeuten.<br \/>\nWer sich nicht binden mag, dabei aber widerspr\u00fcchliche Signale sendet, weil er eben doch ganz gerne mal ein Wochenende auf dem Sofa kuschelt und in Kauf nimmt, dass der andere sich Ernstes erhofft, wo nichts Ernstes sein soll, f\u00fcgt dem Partner (der ja keiner sein soll) echten Schaden zu.<br \/>\nEs macht traurig, das Gef\u00fchl zu haben, nicht zu gen\u00fcgen, nur der L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer zu sein, bis etwas Besseres kommt. Und es kann dauerhaft Probleme im Leben des anderen verursachen, wenn der unfreiwillige Mingle dann selbst in der darauffolgenden Paar-Situation z\u00f6gert und zaudert, weil er Angst hat, wieder so verletzt zu werden.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frauen hoffen &#8211; und wissen es einfach nicht<\/strong><\/p>\n<p>Klassischerweise sind es meist Frauen, die in solche Situationen geraten, die &#8222;hoffen&#8220;, in einer Beziehung zu sein. Es aber nicht wissen. Die Soziologin Eva Illouz, die in diesen Zusammenh\u00e4ngen so gerne zitiert wird, konstatiert, dass generell eher M\u00e4nner sich lieber gar nicht fest binden, als dies mit dem Gef\u00fchl zu tun, nicht die Allerbeste an ihrer Seite zu haben.<br \/>\nAuch, weil sie ihr Selbstwertgef\u00fchl nicht aus Partnerschaft und Ehe gewinnen \u2013 im Gegensatz zu Frauen, die sich nach wie vor \u00fcber Familie definieren.<br \/>\nSo berichtet mehr als jede dritte Singlefrau zwischen 20 und 39, bei der Partnersuche &#8222;stets nur bindungsunwilligen M\u00e4nnern&#8220; zu begegnen. Nat\u00fcrlich sorgt auch der Kinderwunsch der Frauen ab drei\u00dfig daf\u00fcr, dass sie dann eher bereit sind, sich festzulegen als M\u00e4nner.<br \/>\nUnd doch m\u00fcssen die M\u00e4nner \u2013 und nat\u00fcrlich auch die Frauen, die sich beim Gedanken an eine feste Beziehung noch beklommen ans Herz fassen, Klartext reden, miteinander, \u00fcbereinander. Und Mut zum Bekenntnis aufbringen. F\u00fcreinander, gegeneinander oder zumindest dazu, sich nicht bekennen zu wollen.<br \/>\nAber auch das auszusprechen, kann die Lage entspannen, das Gedankenkarussell des anderen, der vorher jede kleine Geste \u00fcberinterpretieren musste, jedes Wort im Kopf Hunderte Male hin und her dachte, stoppen. Und eine Entscheidung erlauben: Kann und m\u00f6chte man so weitermachen \u2013 oder eben nicht.<\/p>\n<p>Eine Entscheidung kann befreien<br \/>\n&#8222;Wo kaum mehr etwas durch Zw\u00e4nge bestimmt oder gesellschaftlich angebahnt wird, wird es immer wichtiger, sich zu entscheiden \u2013 f\u00fcr einen Partner oder eine Beziehungsform&#8220;, sagt auch Psychologin Lisa Fischbach.<br \/>\nMan muss sich also selbst ein wenig der allzu gro\u00dfen Freiheit berauben, um wieder frei durchatmen zu k\u00f6nnen. Denn: So eine Entscheidung macht tats\u00e4chlich frei \u2013 und l\u00f6st den ganzen Stress von hinten auf. &#8222;Studien zeigen&#8220;, so sagt Wiebke Neberich, &#8222;dass man Partneralternativen automatisch abwertet, wenn man sich einmal f\u00fcr jemanden entschieden hat.&#8220;<br \/>\nDann muss man das nur noch mitteilen \u2013 und fragen, ob der andere das auch so sieht und auch so m\u00f6chte. Und sich nicht scheuen und ewig \u00fcber die richtigen Worte nachdenken. Manchmal ist einfach am besten. So wie Bauer Christian seine Elke in der im Dezember zu Ende gegangenen &#8222;Bauer sucht Frau&#8220;-Staffel fragte: &#8222;Ich find&#8216; dich so toll. Was h\u00e4ltst du denn davon, wenn wir zusammen eine Beziehung starten?&#8220;<br \/>\n\u00a9 Axel Springer SE 2013. Alle Rechte vorbehalten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind wir zusammen? Oder was? 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